Gieffers T.
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Erlebnispädagogik in der Postadoleszenz
Hatte telefonisch einen Termin zur Lymphdrainage vereinbart. In der Eingangshalle dominierte eine sehr hektisch und laut sprechende Dame am Empfang, die einen Kunden beriet. Ich stellte mich für eine Auskunft an - der Kunde stand bereits seitlich zur Theke und war im Begriff zu gehen. Als der Kunde ging und sich bereits einige Meter hinter mir befand, rief die Dame ihm nach und begann, einige Informationen zu wiederholen und das Gespräch von Neuem zu entfachen. Ich fragte: ,,Entschuldigung, ich habe nur eine kurze Frage. Wo befindet sich der Wartebereich für die Therapie?´´
Promt wurde ich scharf zurechtgewiesen: ,,Können Sie sich nicht benehmen? Ich unterhalte mich - Sie sind gar nicht dran. Es ist unhöflich, wenn Sie IMMER dazwischen reden!´´
Irritiert fragte ich nach, was sie mit IMMER meinte, da es mein erster Besuch zur Therapie sei, und ich sie gar nicht kenne. Des Weiteren hätte ich jetzt einen Termin, wolle nicht zu spät kommen, und möchte nur diese Auskunft. ,,Ja, aber hat man Ihnen kein Benehmen beigebracht? Sie sind nicht dran! Das ist unhöflich! Treppe hoch, links.´´
Während ich die Treppe hochging, beschwerte sie sich weiterhin lautstark. ,,Das gibt´s doch nicht! Unverschämtheit! Kein Benehmen!´´ Nun auch gereizt rief ich zurück, dass ich nur eine kurze Info brauchte, und sie könne nun in Ruhe weiter quatschen.
Im Wartebereich Therapie überlegte ich, mich über dieses Verhalten zu beschweren, als ungeahnt der physiotherapeutische Leiter Herr S. sich vor mir aufbaute. Er habe einen Anruf bekommen, die Empfangsdame habe sich beklagt, ich habe kein Benehmen. Und fortan folgte eine ausführliche Predigt über Sitte und Anstand. Im Baumarkt könne ich auch nicht dazwischen reden und müsse warten, bis der Verkäufer bereit für mich wäre. Wenn ich eine Frage habe, müsse ich warten - die Therapeutin würde die Behandlungszeit entsprechend verlängern. Respektvolles Benehmen sei eben unerlässlich.
Durch mantraartiges rezitieren bürgerlicher Sentenzen wird auch die letzte Birne mal zu Mus : nach minutenlanger zäher und völlig vernagelter Diskussion empfand ich die Situation als unerträglich und bin gegangen.
Lieber Herr S. : vielleicht sitzen Sie dem Irrtum auf, dass Sie DER Geschichte glauben, die Sie zuerst hören. Vielleicht ist Ihnen Loyalität besonders wichtig - auch dann, wenn der Patient nicht mehr behandelt werden möchte. Schließlich sind Mitarbeiter beträchtlich schwerer zu bekommen, als Patienten. Vielleicht haben Sie auch viel Zeit und gerne Recht.
Dass ich in meiner zweiten Lebenshälfte und über 20Jahren Selbständigkeit ausgerechnet als Patient von einem PT-Kollegen über Benimmregeln aufgeklärt werden durfte, finde ich wirklich drollig. Um Napoleon zu zitieren: Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt.
Ich habe sofort alle Termine abgesagt und meine Mitgliedschaft im Fitnessbereich gekündigt. Medizinisch für mich und wirtschaftlich für Sie ein Totalausfall - wegen 3 Wörtern: Treppe hoch, links.
Sollten Sie noch Fragen zur Verhaltensbiologie haben, mir einen Benimm-Regeln Knigge schenken wollen, oder es eventuell in Betracht ziehen, dass hier grundsätzlich etwas aus dem Ruder gelaufen sein könnte, so haben Sie meine Telefonnummer.
Nachtrag vom 27.05.2025
Mit Verlaub, aber ich hätte mir gewünscht, Sie nehmen meinen Tipp mit dem Telefon einfach an, und ich ziehe nach einem klärenden Gespräch die Rezension zurück. Weit gefehlt.
Die Behauptung, ich habe mich mehrfach in ein laufendes Gespräch eingemischt, ist schlicht absurd und eine absolute Frechheit. Ebenso wenig hat Ihre überaus temperamentvolle Mitarbeiterin die notwendige Form eingehalten.
Schön, dass Sie eine klare Mehrheit von anwesenden Kollegen finden konnten, die irritiert waren. Im Eingangsbereich hielten sich zu dem Zeitpunkt nur der Kunde vor mir und die nette Mitarbeiterin hinter der Theke auf. Sie suggerieren dem Leser: Die Mehrheit hat recht. (Der Versuch ist es wert, aber beschämend)
Ich wünsche Ihnen für die Zukunft Alles Gute, gut erzogene Patienten und waggonweise 5Sterne Bewertungen.